bertl zagst
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Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, heute morgen im Rahmen der Ausstellungsreihe von Künstlerpaaren in der Städtischen Galerie Filderstadt, über die Arbeiten von Anthony Canham und Bertl Zagst sprechen zu dürfen. Zwei Künstler, die unter dem Oberbegriff "Materialien" für diese Doppelschau ausgewählt wurden.
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Anthony Canham, an Kunstakademien in Wimbledon, London und Berlin ausgebildeter Maler, heute in Hildesheim lebender, emeritierter Professor der Universität Wuppertal und der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim und Bertl Zagst, Absolvent der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, über Jahre in Kairo und Marokko praktizierender Kunsterzieher, heute tätig am Georgii-Gymnasium in Esslingen und in der Region durch vielfältige Ausstellungsaktivitäten und Mitgliedschaft in verschiedenen Künstlervereinigungen wie z.B. dem Kunstverein Kirchheim und der Künstlergruppe "Artgerechte Haltung" in Esslingen bekannt.
Die Künstler kannten sich und das Werk des anderen vorher nicht, waren aber bereit – auf Grund der Expertise von Frau Schäfer-Gold und ihren Mitstreitern - sich auf dieses Experiment des gemeinsamen Ausstellens einzulassen.
Auf den ersten Blick scheint die Disparität ihrer Arbeiten augenfällig zu sein. Was verbindet diese beiden Künstler eigentlich? Gibt es Berührungspunkte in ihren so unterschiedlichen Arbeiten, die rechtfertigen sie unter dem Diktat eines Themas zu subsumieren?
Welche Rolle spielt das Material für ihre künstlerischen Anliegen?
Fragen, die sich mir bei der Vorbereitung zu dieser Ausstellungseröffnung stellten und deren Beantwortung ich durch die separate Betrachtung der Werke näher zu kommen suche.
Definiert man Abstraktion in der Kunst als das Absehen vom Gegenständlichen, vom Dinglichen gelöstes, ohne unmittelbaren Bezug zur Realität, so ist die Malerei Anthony Canhams nicht als abstrakte Malerei anzusprechen. Seine Bilder rekurrieren auf Erlebtes und Erinnertes, sind jedoch niemals ungebrochene malerische Umsetzungen einer gesehenen Wirklichkeit, sondern eher Zeichen, die auf Landschaft, Gärten, Stadt verweisen. Ganz im Sinne Paul Klees, der in einer Zeit arbeitete, als die Fotografie zunehmend die Funktion der Abbildung von der Malerei übernahm und ihn zu einer generellen Skepsis gegenüber der Abbildbarkeit der Welt führte, malt Canham wie er es selbst formuliert: "abstrakt mit Erinnerung." Intensiv beschäftigt er sich mit den künstlerischen Ausdrucksmitteln: Farbe, Linie, Fläche. Der bewusste, planvolle Einsatz dieser drei ermöglicht es ihm die geistige Umsetzung seines persönlichen Blickes auf die Welt in ein Bild zu fassen.
Ging es aber etwa dem Zeitgenossen von Paul Klee, August Macke in seinen Naturbildern noch um ein "Durchfreuen der Natur", ist der kritische Blick Anthony Canhams im 21. Jahrhundert ernüchtert am fahrlässigen Umgang der Menschen mit der Landschaft, mit der Stadt mit dem Kosmos.
So ist ein übergreifendes Merkmal seiner Bilder das Durchkreuzen der großen Ruhe und Ordnung, die sich aus der perfekt komponierten Rasterung seiner Bildflächen ergibt, durch subtil gesetzte, verstörende farbige Elemente oder Materialien.
Ein Beispiel ist das Gemälde "To the lighthouse", das Sie dort rechts an der Wand sehen.
Oberflächlich betrachtet handelt es sich um ein Gemälde, das sich aus verschieden großen Flächen zusammensetzt und das statt der rechten unteren Ecke einen getreppten Bildabschluss aufweist. Betrachtet man es genauer, so erkennt man, dass der äussere Holzrahmen, in den die Flächen passgenau eingefügt wurden, Teil des angelegten Rasters ist. Das innere, die Rechtecke und Quadrate rot umfassende Rahmenholz endet jedoch abrupt an der in Grautönen zentralperspektivisch bemalten Fläche rechts unten. Über dem stark plastisch wirkenden grauen Rechteck liegt eine Fläche, die mit einer Art Blumentapete bemalt zu sein scheint. Es handelt sich hierbei um den Abdruck eines Geschenkpapiers, das Canham auf die Hartfaserplatte übertragen hat. Darunter erinnert eine hochrechteckige hellblaue Fläche mit einem inneren Raster aus fahlgelben Linien an Wanddekorationen aus den 50er Jahren. Oberhalb des Blumenmusters leuchtet uns wie ein Stilleben ein pastos gelb gemaltes Bild im Bild, mit rosafarbenen Blütenköpfen und gekratzten Linien entgegen. Daneben ein großes Quadrat konstituiert aus 9 kleinen, sehr farbigen Quadraten in sich gemustert und kompositorisch ein Gegengewicht zur Rasterfläche unten links setzend.
In der Kontinuität von Canhams Arbeit der letzten Jahrzehnte scheint mir dieses Gemälde eine Reminiszenz an seine zeichnerischen Arbeiten der 80er und 90er Jahre zu sein. Beschäftigte er sich doch in dieser Zeit intensiv mit der Buchillustration. Einer Reihe bedeutender literarischer Werke – von Johann Wolfgang von Goethe, Gabriele Wohmann, Hermann Hesse, um nur einige zu nennen – stellte er wunderbare Zeichnungen zur Seite. Beendete diese Arbeit jedoch kompromisslos, als dem mittlerweile bekannten und begehrten Illustrator vor allem kommerziell lukrative Aufträge angeboten wurden.
Obwohl Canham längst mit der Buchillustration abgeschlossen hat, muß die Liebe zur Literatur für ihn virulent geblieben sein. Läßt doch der Titel des Bildes "To the lighthouse" den Schluss zu, dass sich auf den gleichnamigen Roman von Virginia Woolf von 1927 bezieht.
Nur, mit Buchillustration hat dieses Gemälde nichts mehr gemein. Wie Virginia Woolf in ihrem Roman mittels der Sprache die Tiefen und Untiefen der Beziehungen zwischen Menschen durchdringt und die Handlung der Innenschau der Figuren unterordnet, so bedient sich Canham malerischer Mittel und des Materials, um uns an seiner Durchdringung der Welt teilhaben zu lassen. Erinnerung an die Kindheit und das Empfinden der vergehenden Zeit sind zentrale Motive des Erzählstroms von Virginia Woolf und sind auch Thema in "To the lighthouse" von Anthony Canham. Anmutungen verfliessender Zeit werden im Bild z.B. durch die Verwendung alten, benutzen Holzes sichtbar. Der horizontale Blumenfries ist auf eine Hartfaserplatte aufgebracht, die an vielen Stellen Spuren des Gebrauchs aufweist. Kleine Löcher und abgestossene Ecken, korrespondieren mit dem verwitterten Abdruck des Papiers, während das leuchtend gelbe Stilleben wie eine Erinnerung an vergangene Natureindrücke wirkt.
Der Aspekt der Zeit, wie auch der Aspekt der Störung der Ordnung , manifestiert im gewählten Material ist in fast allen Gemälden Canhams sichtbar.
Beispielhaft seien noch genannt das Bild "Bergstadt" und die Serie der neuesten Collagen, die dort drüben an der Wand hängen.
Die gedrittelte Fläche von "Bergstadt" ist aus alten, weiß beschichteten Schrankrückwänden gefertigt und mit drei Rechtecken bezeichnet und bemalt, die sich wiederum in je 12 Quadrate teilen. Die verwendete Farbe – Ölfarbe und einfache Dispersionsfarbe – ist mit dem Spachtel bearbeitet und durch hinein gekratzte Spuren deutlich gezeichnet worden. Wie ein Fremdkörper wirkt das Fragment einer Zahl, die den mittleren Teil des hochformatigen Tryptichons heraushebt. Es ist der Rest einer Postleitzahl, die Postleitzahl von Lüdenscheid, der Heimatstadt seiner Frau, die auch Canham jahrelang Heimat gewesen ist.
Für seine jüngsten Arbeiten, entstanden in diesem Jahr, bedient sich Canham ganz neuer Materialien. Für die Serie von Collagen mit Titeln wie Le Parc, Lake Noir, Garden oder Maison du Gardien verwendet er ausschließlich Papier, das er auf Tonkarton aufklebt. In der Wahl der formalen Mitteln gleichen die Collagen den Gemälden. Canham ordnet Rechtecke aus verschiedensten Papieren zu einem Raster, das in der Aufsicht zunächst wie ein wohl geordneter Garten wirkt. Die papierenen Formen entstehen aus kopierten Zeichnungen von verschiedensten Mustern, die sich wiederholen, aber durch den Kopierer verkleinert oder vergrößert wurden. Daneben sieht man Milimeterpapiere und Ausschnitte vermutlich aus alten Buchhaltungsbüchern, teilweise mit Bleistift beschrieben. Dann jedoch kippt er über diese harmonischen Landschaften Ausrisse von schwarzem oder braunem Tonpapier, die aus der Ferne wie versehentlich ausgeschüttete Tusche die Ordnung des Blattes zerstören. Der romantisierende Blick auf das Bild des unversehrten Gartens, des Sees, des Parks ist dahin.
Entstehen die Arbeiten Anthony Canhams oft in einem Prozess, der sich über mehrere Jahre erstrecken kann, so verdanken sich die Werke von Bertl Zagst einer nahezu unermüdlich sprudelnden Kreativität. Unterschiedlichere Künstlerpersönlichkeiten hätten sich für diese Ausstellungsreihe wohl kaum finden lassen. Aber in ihren Werken sind sie sich nicht ganz so fremd, wie es zunächst scheinen mag.
Bertl Zagst präsentiert in dieser Ausstellung zwei sehr unterschiedliche Werkgruppen: kantige, bisweilen schroff gefaltete Objekte aus Eisen, die er "Faltungen" oder "Entfaltungen" nennt und weiche, organisch wirkende Objekte, vorherrschend aus schwarzem Gummi, genannt: "Weiche Sachen".
Betrachten wir zunächst die "Harten Sachen", die Objekte aus Eisen.
Henry Moore sagte einmal über die Plastik: "Skulptur hat einige Nachteile im Vergleich zur Malerei, sie hat aber auch einen großen Vorteil: nämlich, dass man sie von allen Seiten betrachten kann. Wenn nun dieser Vorteil wahrgenommen und vollständig genutzt wird, vermag er der Skulptur immer wieder wechselnde, überraschende Aspekte und endloses Interesse zu geben."
Bertl Zagst´s Arbeiten aus Eisen sind für das Herumgehen gemacht. Es sind Objekte die Raum umschließen und sich im Raum entfalten. Mit einer unbändigen Freude am Experimentieren mit immer neuen Möglichkeiten der Faltung, in Größe, Ausdehnung und farbiger Fassung lotet Bertl Zagst die dem Material und der Form innewohnenden Kräfte aus.
Manche der gefalteten Objekte stehen auf beängstigend dünnen Beinchen. Wann ist der Moment, dass das Gebilde kippt? Was ist gerade noch möglich? Wie weit können die Grenzen der Schwerkraft gedehnt werden?
Das genaue Austarieren der Kräfte ist ihm wichtig. Einige scheinen von ihrem dünnen Unterbau abheben zu wollen und leicht wie Schmetterlinge oder ein aufgefächerter Papierleporello zu sein. Andere stehen in Gruppen sicher, ohne Beine direkt auf dem Boden oder einer Bodenplatte. Im Sonnenlicht, aber auch unter künstlicher Beleuchtung entwickeln sie ein lebhaftes Spiel von Licht und Schatten, ähnlich dem in den verwinkelten Architekturen südländischer Gassen.
Bemalungen begleiten und unterstreichen die Wirkung der Faltungen bei verschiedenen Objekten und lassen sie wie auseinandergezogene oder aufgefaltete Bilderbücher erscheinen.
Das Material für seine Faltungen findet Zagst bei einem Kirchheimer Schlosser, dessen Werkstatt er nach Belieben nutzen darf. Im Schrott, im Abfallcontainer sucht er nach Reststücken, hebt sie auf – manchmal sind das ganze Bleche. Liebevoll nennt ihn ein Freund deshalb einen "alten Schrottsammler". Alle diese Stücke zeigen von vorne herein die Spuren ihrer Geschichte. Sie sind meist verschmutzt, manchmal mit Zeichen und Zahlen beschrieben, die der Katalogisierung der Rohbleche entstammen. Sie haben Narben davon getragen: Verkratzungen, Schnitte, Verbrennungen, Durchbohrungen. Dem Verrosten schutzlos preisgegeben. Zagst bewahrt diese Spuren des Alters in seinen Arbeiten, ja er paraphrasiert sie noch, indem er die Eisenplatten teilweise mit Salzsäure behandelt und sie nicht nahtlos miteinander verschweißt, sondern nur punktuell miteinander verbindet, so dass ihre maroden Kanten sichtbar bleiben.
Wo Fundstücke eine farbige Fassung mitbringen wird sie in das Bearbeitungskonzept einbezogen, entweder als vorgefundenes und zu belassendes Element oder aber als Folie für mechanische Bearbeitung durch Werkzeuge oder Überlagerung mit neuen Farbschichten.
Neben den verschweißten Faltobjekten gibt es innerhalb der "harten Sachen" noch die Kategorie der beweglichen Faltungen. Objekte, die durch handwerklich gearbeitete Scharniere miteinander verbunden sind. Doch auch sie unterliegen den Gesetzen des Gleichgewichtes. So wie die dünnen Beine die Faltungen nicht unbegrenzt tragen, können z.B. die beiden Hälften eines Eisenrohres nur bis zu einem bestimmten Punkt geöffnet werden, bevor die Konstruktion fällt.
Die zweite Werkgruppe, die Bertl Zagst heute hier zeigt ist die Gruppe der "weichen Sachen". Diese Arbeiten sind nicht Bilder und nicht Plastik, sondern Reliefs im eigentlichen Wortsinn: plastische Bildwerke auf einer Fläche.
Die Idee zu diesen Kunstwerken kam Bertl Zagst anlässlich einer Ausstellung im Jahr 2005 in der Kreuzkirche in Nürtingen. Konfrontiert mit einem ausgeprägten gotischen Dachgebälk, auf der Suche nach einem spannenden Kontrast entschied er dieser dominanten festen Struktur etwas Rundes, Weiches entgegenzusetzen und diese Objekte unter dem Kirchendach anzubringen, was bedeutete, dass nur mit leichten Materialien gearbeitet werden konnte. Dieses Material bot sich ihm in Form ausgedienter Gummischläuche aus den Reifen von Lastwagen und Traktoren mit teilweise enormen Ausmaßen. Aufgepumpt, geschnürt und gewickelt, in immer neue Formen und Behältnisse gezwungen sind sie ein Material, dass der Experimentierfreude von Bertl Zagst weiten Raum öffnet.
Die Wandobjekte, die Sie heute hier sehen, sind zum Teil Fortentwicklungen dieses Themas, erst kürzlich entstanden, wiederum anlässlich einer Ausstellung, diesmal allerdings in einer Buchhandlung in Esslingen, die im Gegensatz zum hohen Kirchenraum Nürtingens nur kleinste Ausstellungsflächen aufweist.
"Bewegung – sich ausbreiten, fließen, strömen, aufgehalten werden, sich stauen, sich drängen, zurückdrängen, wieder fließen, Ruhe finden. Das ist malerischer organischer Prozess," heißt es in einem Ausstellungskatalog der Hamburger Kunsthalle zu Arbeiten Gotthard Graubners, des Erfinders der "Kissenbilder". Wenn auch nicht gemalt, so beschreibt doch diese Definition ebenso die Gummiobjekte von Bertl Zagst. Gefaltet und geschnürt, ausgestopft, gepolstert, glatt gezogen: Zagst vertieft sich in das Material bis an die Grenzen des Möglichen. Die grau-schwarzen Arbeiten sind nur auf den ersten Blick monochrom. Bei näherem Hinsehen lassen sich lebendige Oberflächenstrukturen ausmachen. Wo die Gummihaut ausgetrocknet ist, bricht sie auf in rissige, weißliche Farbmarken, an anderer Stelle schimmert sie fettig glänzend. Schlaffe Falten wechseln mit prall gefüllten, quellenden runden Formen, Flecken, Ventile, Reparaturstellen, farbig aufgedruckte Schrift und das Spiel von Licht und Schatten schaffen eine Vielfalt optischer Erscheinungen.
Für einige Objekte hat er die Gummischläuche zerschnitten und sie in Bändern ungleicher Breite um Bücher gewickelt. Mit einiger Mühe nur lassen sich die Titel noch erahnen. So handelt es sich bei einem Buch um ein Lehrbuch zur Kunstgeschichte – vielleicht ein Verweis darauf, dass es noch niemals leicht war sich der Kunst zu nähern?
Anthony Canham und Bertl Zagst – "Materialien": Der Ausstellungstitel ist gut gewählt.
In der Verwendung des Materials begegnen sie sich, in der Bedeutung, mit der sich die Materialien für sie aufladen und in den Spuren seiner Vergänglichkeit. Sie konfrontieren sich und die Betrachter mit der Unvermeidlichkeit des Zeitlichen. Beide sind nicht interessiert am edlen Werkstoff – höchstens als Spiegel des Vergänglichen. Die polierte, geschönte Oberfläche ist nicht ihr Begriff von gutem Material, sondern das Spuren tragende, Geschichte bergende.
Sie arbeiten mit dem Stoff aus dem das Leben ist.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
Guten Abend,
liebe Zeitgenossinnen und liebe Zeitgenossen!
Herzlich willkommen im Buchladen zur Ausstellungseröffnung
"Weiche Sachen": Bertl Zagst präsentiert neue Wandobjekte.
Bertl Zagst ist der sechste in der Reihe "artgerechte Haltung bei den
ZeitGenossen", die einzelne Mitglieder des Esslinger Künstlervereins
"artgerechte Haltung" vorstellt.
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Vor fünf Jahren wurde Bertl Zagst eingeladen, in der Nürtinger
Kreuzkirche eine Ausstellung zu gestalten. Der dortigen
Raumsituation wollte er mit etwas "Rundem", "Großen", "Plastischen"
begegnen. Allerdings sollte es in der Höhe, unter dem Kirchendach,
angebracht werden – die Objekte mussten also leicht sein. Und so
kam der Künstler auf die Idee, alte Reifenschläuche aufzupumpen,
sie zu schnüren und ihnen eine neue Form zu geben und diese
plastischen Objekte in die Kirche zu hängen.
Seither lässt ihn dieses Material nicht mehr los – es ist sein Kunst-
Stoff geworden: Alte Traktor- und Lastwagenschläuche, die er in
Hinterhofwerkstätten ergattert, denen er auf seinen Reisen nachspürt,
die er immer irgendwo auftreibt. Die er dann aufpumpt, verschnürt, in
Stahlkäfige zwingt, mit denen er Türen verstopft, Wasser und Zeit
aufwickelt, Eimer zum Schwimmen bringt und die er jetzt für diese
Ausstellung im Buchladen zu Wandobjekten verarbeitet hat.
Gummi ist ein Kunst-Stoff der besonderen Art.
Schon vor dreieinhalb Jahrtausenden kannten die amerikanischen
Hochkulturen der Olmeken, Maya und Azteken Naturgummi, nämlich
Kautschuk und kautschukähnliche Pflanzensäfte und nutzten sie für
kultische Zwecke.
Kautschuk ist im Milchsaft von tropischen Pflanzen enthalten, beim
Eintrocknen verhärtet dieser Saft zu plastisch-elastischen Formen.
Die mittelamerikanischen Ureinwohner sollen auch schon Kautschuk
mit Schwefel zusammen erhitzt und so extrem dehnbar und
dauerelestisch gemacht haben.
Das Wissen um diesen Erhitzungsvorgang von Latex mit Schwefel
ging aber wieder verloren, und so schreibt man die Entdeckung der
Vulkanisation – um nichts anderes dreht es sich nämlich hierbei –
dem US-Amerikaner Charles Goodyear zu, der 1839 seine
Entdeckung machte, die ihm 1844 patentiert wurde.
Goodyear selbst hatte jedoch nie mit Autoreifen zu tun – der Tüftler
starb im Jahr 1870 mittellos, 16 Jahre, bevor Carl Benz seine
Motorkutsche baute und 38 Jahre bevor zwei deutsche Einwanderer
in Amerika eine Firma mit dem Namen Goodyear Tire & Rubber
Company gründeten, um Reifen herzustellen. Den Namen wählten
die Firmengründer zum Gedenken an Charles Goodyear.
Heute wird für die Produktion von Gummi hauptsächlich synthetisch
hergestellter Kautschuk verwendet.
Aus seinem Kunst-Stoff hat Bertl Zagst nun Wandobjekte gefertigt.
Auf den ersten Blick erscheinen die Arbeiten in monochromem
Grauschwarz, auf den zweiten Blick erkennen wir deutliche
Farbunterschiede. Manche Gummihaut ist ausgewittert oder scheint
mit einem trockenen Weiß überpudert. Andere Objekte haben eine
glänzende Oberfläche, das Gummi ist mit Farbspuren versehen, eine
Oberfläche ist gerillt und wirkt damit farblich völlig anders als die
glatte glänzende tiefschwarze Fläche des nächsten Objekts.
Falten und Verwerfungen des Materials werden sichtbar, spielen mit
dem Licht, schaffen Lebendigkeit. Farb-Sensationen treten zutage:
Wir entdecken eine runde Reparaturstelle, einen Flicken mit rot
gezacktem Rand, daneben nochmal ein Flicken, wir sehen Schrift, mit
Farbe aufgedruckt oder ins Gummi eingeprägt, kryptische
Typenbezeichnungen, Embleme, Symbole.
Holzplatten, die als Trägerelement dienen, sind mit Reifenschlauch-
Gummi überzogen.
Bertl Zagst spielt mit dem Material. Einmal macht er den schlaffen
Schlauch sichtbar, zeigt Falten, die sich werfen, die aus der Form des
Schlauchs entstehen, wenn dieser Form nicht nachgegeben wird. Ein
anderes Mal stopft er zwischen Holzplatte und Gummi Füllmaterial,
sodass pralle Rundungen entstehen, die die Reifenform nachbilden.
Oft setzt er mit Gummibändern die Spannung des Materials noch
extra in Szene, und schafft damit neue Oberflächensensationen.
Man sieht den Arbeiten an, dass hier zwei Kräfte aufeinander
einwirken – der Wille des Künstlers und die Spannkraft des Kunst-
Stoffs.
Zagst drückt dies so aus: "Ich lote Möglichkeiten der Gestaltung mit
einem Material aus, lasse mich inspirieren, mache sichtbar:
Qualitäten von Material, plastische Formung. Ich forme auf's neue
Objekte, die den Eindruck machen, als ob demnächst der Schlauch
sich ausbeult und mit stetig steigender gewaltiger Kraft seine
strammen Verschnürungen auseinanderreißt."
Wandobjekte waren zur Ausstellung angekündigt, gekommen sind
auch "Buchobjekte". Deshalb lohnt der aufmerksame Blick in die
Regale heute besonders: zu entdecken gibt es kleine Kostbarkeiten,
die mit dem Objekt "Buch" ein zwingendes Spiel treiben.
Liebe Gäste,
mit dieser Ausstellung von Bertl Zagst eröffnen wir die diesjährige
Ausstellungs-Saison im Laden. Zwei Monate waren die Wände leer –
eine Pause schärft die Wahrnehmung – jetzt gibt’s wieder was zu
gucken. Wir möchten Euch einladen, genau hinzugucken, selber zu
entdecken, Euch vom Reiz des Materials anregen zu lassen.
Nebenbei: die Objekte sind käuflich, die Preisliste liegt aus und hängt
auch am Kamin.
Lieber Bertl,
vielen Dank für Deine spannenden Arbeiten, diese "Kollektion", die
den Buchladen mal wieder ganz anders aussehen lässt. ...
"Unser Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann."
Francis Picabia, 1922
Bertl Zagst lernte ich vor rund 35 Jahren an der Akademie Stuttgart kennen. Die Institution war damals
überschaubarer als heute, man besuchte einander in den Ateliers und Werkstätten, begegnete sich in der
Mensa, oder im "Schmutzigen Löffel", in der Straßenbahn oder bei Veranstaltungen und auf dem Gelände
sowieso. In diesen Jahren blieb es bei gelegentlichen Gesprächen.
Anschließend, im Referendariat, ergaben sich intensivere Kontakte, die sich seither über die Jahre irgendwie
erhalten haben. Dazu wäre manch Schönes und Heiteres zu erzählen, was hier zu weit führen
würde ... zur Sache also:
"Entfaltungen" zeigt Bertl Zagst. Das heißt zunächst ganz allgemein: er untersucht räumliche Bezüge
mit plastischen, malerischen und fotografischen Mitteln. Auf den ersten Blick mag das spielerisch
spontan wirken, auf den zweiten Blick durchaus kalkuliert und konstruiert.
Im Folgenden möchte ich dazu ein paar Gedanken entfalten.
Wir sehen uns den Objekten gegenüber. Wie nehmen wir Räume wahr? Weder die Ideen mittelalterlicher
Himmelssphären, noch die Weiten des Weltraums von denen die Moderne kündet, weder die Entdeckungen
ferner Kontinente noch die Konzepte der Globalisierung bestimmen unser Raumbewusstsein
so sehr wie unsere eigene Erfahrung. Historische Vorstellungen und gegenwärtige Forschungen bilden
eher den Hintergrund, den Umraum. Konstitutiv für das Raumverständnis und -empfinden dieser Kultur
dürften eher die Erlebnisse der geraden, eckigen, seriellen "Lebenskästen" unserer Wohnungen, unserer
Arbeit- und Freizeit sein. In diese Räume werden wir hineingeboren.
Beginn und Ende unserer "Weltreise" verbinden sich mit besonderen Räumen. Bekanntlich kommen
wir aus einem kugeligen Universum – der Fruchtblase – und beschließen unser Dasein möglicherweise
wieder in runden Behältern – den Urnen. Aber dazwischen hält die Wirklichkeit für unsern Aufenthalt
diverse meist rechtwinklige, private und öffentliche "Lebensschachteln" bereit. Dieses kulturtypische
Raumprogramm mit all seinen vielfältigen Aspekten, Aufgaben und Atmosphären, bildet eine fast lückenlose
funktionale Struktur für alle Lebens- bzw. Daseinslagen. Jenseits der eigenen Körpergrenzen
erfahren wir ganz verschiedene Wirkungen, dieser Hüllen auf Zeit. Sie bieten dem an sich Ausgesetzten
Schutz, vermitteln Enge, Weite bedeuten Gefangenschaft oder Großzügigkeit – ein großes Spektrum
von der Erbärmlichkeit bis zur Erhabenheit ... Leerräume – voids – füllen sich, werden zu Behältern für
Geschichten, Vorstellungen, Phantasien.
Hinzu kommt die Bewegung, die Passage, Umgang und Durchgang prägen unser Bewusstsein privater
wie öffentlicher Räume. Dabei scheint eine Eigenheit von besonderem Belang: Viele dieser abgeschlossenen
Hüllen lassen sich öffnen und wieder verschließen, können betreten und verlassen werden,
zeigen Einblick und bieten Ausblicke.
Solche Überlegungen mögen einen Zugang zu den von Bertl Zagst vorgestellten Objekten eröffnen.
In einer früheren Werkphase spielte er schon mit Raummodellen auf diese Vorstellungen an.
Offene Kuben waren in Drahtgerüsten zu Gruppen organisiert. Den Stahlquadern fehlte eine Wand,
was Einblicke ermöglichte. Er sprach von "Regalen", hatte also Einrichtungen der Sammlung, Unterbringung,
Vorratshaltung, des Lagers oder Archivs im Sinn. Vielleicht schwingt die Sehnsucht nach einer
Ordnung mit – im Leben wie im Tod.
Diese orthogonalen Strukturen sind mittlerweile sozusagen dekonstruiert. Zweierlei hat sich getan:
Die Linearität der ehemaligen Gerüste ist den Stützen geblieben, die manche Flächenkonstruktion etwas
anheben. Tragen und Lasten, fragiler Halt für vergleichsweise massive Flächen. Die gegensätzlichen Elemente
geraten in ein bedenkliches Verhältnis. Fast scheint die Schwerkraft außer Dienst. Andere Objekte
verzichten auf die Stützen ganz. Die Abfolge der Flächen erscheint sozusagen geerdet. Ich komme darauf
zurück.
Man könnte also meinen, die offenen Kuben von früher seien nun vollends zerlegt, ihre Wände
– heute nicht immer aus Stahl sondern auch aus Papier, Pappe oder Holz – treten wie selbständige
"Tafelgruppen" oder "Flächenverbände" auf. Die meisten Flächenelemente sind noch viereckig allerdings
viele nicht mehr rechtwinklig. Sie gewinnen mit unterschiedlichen Größen je eigene Formqualitäten:
bilden Ecken, Nischen, stützen sich gegenseitig oder schießen übereinander hinaus. Besondere Dynamik
ergibt sich sowohl bei den Einzelformen wie in ihrer Zusammenstellung: Die Abfolge der Flächen, als
gegliederte räumliche Entwicklung, wirkt öfter inszeniert wie eine Partitur.
Den Auffaltungen oder Flächenabwicklungen erhalten geblieben, ist die Verbindung an den Kanten.
Die ,mannigfaltigen‘ Werke scheinen Fächern oder spanischen Wänden vergleichbar. Die Faltwerke
stehen aufrecht und sind auch dann in sich stabil, wenn Rundungen dazu kommen oder Schrägen, die
Lotrechte gehörig verlassen.
Wobei Maßstab und Dimension durchaus offen bleiben. Manche Objekte erinnern an Hinweiszeichen.
Signale, Mitteilungen, Nachrichten würden nicht überraschen. Und tatsächlich: Die Gestaltung
der Oberflächen verstärkt diesen Eindruck: Rost als materialtypische natürliche Veränderung tritt ebenso
hinzu wie eigene Farbgestaltungen. Auch die Option des performativen Umgangs mit den Objekten – sie
können zu Projektionsflächen werden – zeigt neue Fassetten des Konzepts.
Gleichzeitig öffnen die selben Objekte, als Modelle verstanden, weitere Dimensionen. Modelle veranschaulichen
Raumvorstellungen im Zusammenhang. Sie sind der Wirklichkeit entlehnt und entfernt,
sie bezeichnen zunächst - wie angedeutet - ihre eigene Objektrealität und weisen gleichzeitig über sich
hinaus. Lassen Visionen von gebauten Werken etwa auf Plätzen oder in Landschaften auftauchen ... Architekturen
eingeschlossen. So stellen sich die Objekte als Entwürfe potentiell bewohnbarer Bauten vor.
Virtuell beginnt sich der Kreis zu schließen.
Wie dem auch sei, Wände, Tafeln, Flächen bilden immer auch Grenzen. Sie unterscheiden nicht innen
und außen wie geschlossene Räume, trennen aber diesseits von jenseits. Als Denkmodelle enthalten
sie die Aufforderung der Mehransichtigkeit, der Sie, durch eigene Bewegung folgen können. Gehen sie
drum herum, vergleichen Sie, denken sie darüber hinaus.
Frieder Kerler
In dieser Halle hat es zu Zeiten des Badenwerks bereits Ausstellungen gegeben. Es ist erfreulich, dass diese Tradition nun unter dem Stern des Gründerzentrums fortgesetzt wird, ganz im Sinne der Belebung dieses Ambientes.
Das Besondere an dieser Ausstellung ist ihre Zweipoligkeit, ihre doppelte Verortung sozusagen.
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Der eine Teil befindet sich hier im Raum, und ich werde später kurz auf die ausgestellten Arbeiten eingehen. Der andere – man könnte auch sagen spektakulärere – Teil ist im Außengelände, in das wir uns am Ende noch begeben werden Kunst im Außengelände – das kann vernünftigerweise nur Skulptur sein. Die Präsentation dieser Skulpturen ist ungewöhnlich. Die Objekte sind aufgehängt, und zwar annähernd parallel zu einander, verspannt von Baum zu Baum, quer über den Fluss, der diesem Städtchen seinen Namen gibt. Diese Verspannung von Seilen und Objekten gliedert den Raum – über dem Fluss – in dieser Stadt (stadt:raum:fluss) – und zwar auf ungewöhnliche, auf überraschende Weise. Die Kunstgeschichte hat für Arrangements dieser Art den Begriff Installation aus der Welt der Handwerker entlehnt.
Künstlerische Installationen unterliegen zwar in gleicher Weise wie die handwerklichen Installationen den Gesetzen der Physik, haben aber im Unterschied zu diesen keine direkte Funktion und keine zwingende Logik. Diese Tatsache bereitet vielen Menschen Probleme. Menschen neigen – glücklicherweise, möchte ich betonen – normalerweise zu einer gewissen Logik, zur Folgerichtigkeit. Sie wollen Dinge erkennen, verstehen, hand haben können. Dieses Grundschema der Weltwahrnehmung gibt den Menschen, gibt uns allen Sicherheit.
Die Welt der Kunst bietet diese Sicherheit nicht. Ja, Kunst ist per se darauf angelegt – nicht unbedingt zu verunsichern, aber – zu überraschen. Dies gilt vor allem seit der Moderne des 20. Jahrhunderts, jenem Jahrhundert mit den kriegerischen Großereignissen in Europa, der damit verbundenen Traumatisierung und der Katharsis durch Neudefinition althergebrachter Werte. Das Umstürzen alter Werte ist – sofern es radikal geschieht – ein Verlust. Es hat aber auch – zumindest partiell – stark innovative Impulse, ohne die gesellschaftlich-kultureller Fortschritt nicht stattfindet. Der Kunst kommt die Rolle zu, Impulsgeber zu sein, die andere Denkmöglichkeit zu evozieren, althergebrachte Muster neu zu mischen. Kunst darf noch immer althergebrachte Seherfahrungen erfüllen und die äußere Welt in ihrer Schönheit replizieren, zwecks Erbauung des Betrachters. Aber Kunst will immer öfter überraschen mit dem Ungewöhnlichen und innere Impulse setzen, durch Beflügelung der Phantasie.
Phantasie beflügeln – das hat eigentlich nichts mit Verunsicherung zu tun. Verunsicherung ist hier nur ein Nebenprodukt, weil wir im täglichen Leben nicht gewohnt sind (oder weil es nicht angeraten scheint), Phantasie walten zu lassen. Phantasie ist eine äußerst positive Qualität, und das gilt eben auch, wenn Fragezeichen bleiben und die Dinge sich nicht eindeutig (logisch) erschließen ... wie bei der Installation von Bertl Zagst. Es wird in den nächsten Wochen die unterschiedlichsten Reaktionen auf die Installation über der Tauber geben. Die Leute werden diese überschlanken Bananenformen über dem Fluss schweben sehen und werden sagen: nein, keine Bananen, sondern wohl eher Bootskörper oder Flugobjekte oder doch Schiffsteile. Es wird Leute geben, die sagen: ich weiß zwar nicht, was es soll, aber – meinetwegen ... Und andere, die ganz spontan regieren (es werden vor allem Frauen sein, wegen der vitaleren Fähigkeit zum Enthusiasmus) – und diese werden ausrufen: das gefällt mir (ohne zu wissen, warum). Diese zuletzt genannten glücklichen Opfer der Kunst stehen der Antwort auf die Frage, was das denn solle, am nächsten: Aus der Überraschung Freude ableiten.
Kunst mag zwar keine Logik haben, aber sie hat Witz. Kunst mag zwar verunsichernd sein, weil sie mit Fragezeichen umherjongliert, aber es ist eine Verunsicherung ohne Aggresivität – im Gegenteil: schon allein die Fragestellung, was etwas solle, fördert geistige Aktivität, weitet die Seele und dient somit dem Frieden der Menschheit.
Ich gebe zu: das letzte Stichwort ist ein bisschen dick aufgetragen, und so komme ich auf den Boden zurück mit folgender Episode: Schon im Vorfeld dieser Ausstellung hatte das Spektakuläre der Installation seine Auswirkungen. Bertl Zagst hat mir erzählt: Autobahnpolizisten halten, 30 Kilometer entfernt von der Kreisstadt, auf der Autobahn Würzburg-Heilbronn den LKW fahrenden Künstl mit seiner Bootsfracht auf der Ladefläche an. Ob zu schnelles Fahren oder die von außen sichtbare eigentümliche Beladung der Grund für polizeiliche Nachforschung war, ist nicht überliefert. Jedenfalls entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf die Polizisten erkennen lassen, dass sie die gespannten Seile über der Tauber bereits wahrgenommen hatten. Und nun sei dies also der Künstler, der die Objekte dazu bringe – aha! Nun ja, die leicht erhöhte Geschwindigkeit liege noch im Bereich vertretbarer Toleranz, der Künstler möge seine Objekte gut an Ort und Stelle bringen und man wünsche ihm viel Glück ... und da gibt es noch welche, die fragen, wozu die Kunst gut sein soll!
Bertl Zagst setzt sich schon seit geraumer Zeit künstlerisch mit Booten auseinander. Wer künstlerisch schafft, hat mit Form zu tun und mit den Variationen des Formschönen: dem schlanken Oval, der Mandelform, dem flach gespannten lanzettförmige Bogen und dessen dreidimensionaler Entsprechung als Körper ... als Körper, der (wenn er hohl ist)verblüffende Eigenschaften hat, wie zum Beispiel die Fähigkeit, zu schwimmen oder zu schweben.
Auch in seiner zweidimensionalen Arbeit zitiert und variiert Bertl Zagst das Thema Boot. Er tut es (ganz im Sinne der aktuellen Moderne) zeichenhaft, chiffriert. Diese Zeichen komponiert er rhythmisch auf dem relativ kleinformatigen Malgrund. Er variiert und akzentuiert auch mit Hilfe der Farbe, neigt oft zur Anwendung eines prächtig-intensiven Ultramarinblau. Eine andere Serie (sehr schön konsequent gehängt in dieser Ausstellung) beschränkt sich auf Schwarz und Rot. Abweichend davon eine Reihe von Arbeiten mit kreuzförmiger Kompositionsstruktur. Striche wie rostige Markierungen auf cremefarbenem Gelände. Kreuzwege, Wegzeichen, mystische Planquadrate, Koordinaten in einer Welt der Chiffren. Die erdfarbigen Klänge unterstreichen das archaisch Zeitlose, den Charakter des kulturellen Relikts oder aus einer vergangenen Welt.
Ein paar Stichworte zur künstlerischen Vita:
1972-77 Studium Akademie Stuttgart, Kunsterziehertätigkeit an Gymnasien im Schwäbischen Raum.
1989-95 Auslandsschuldienst in Kairo (inspirative Quelle seiner Auseinandersetzung mit der Kultur des Orients).
Seit 1995 Arbeit im Raum Kirchheim/Teck, wo er auch wohnt.
Alle Lebens- und Arbeitsphasen sind begleitet von einer großen Zahl von Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen.
Auch im Taubertal hatte Bertl Zagst zwei große Einzelausstellungen, das war 1999 beim Kunstverein ("Engel"-Saal) und 2001 in der Galerie Kirchner, Grünsfeld. Es gibt viele private Sammler seiner Skulpturen, "sogar" in Tauberbischofsheim, und selbstverständlich stehen die hier gezeigten Arbeiten und Objekte einer enthusiastischen Sammlerschar zur Verfügung. Vor allem wäre aber zu wünschen, dass die Besucher des Gründerzentrums und die Überquerer der Tauberbrücke einen Impuls der Erfrischung erfahren. Das entspräche dem edelsten Zweck von Kunst.
In der Überschrift "Zwischen Tradition und Moderne", die ich für meinen Beitrag gewählt habe, gibt die Präposition das Verhältnis der Hauptwörter nur unzureichend an. Man muß sie schon ins Lateinische übersetzen, um präzise zu sein. Denn "inter" betont nicht den kleinen (oder kurzen) Raum zwischen zwei Dingen, sondern weist wie in dem Wort "Interesse" auf das Mittendrinsein in Beidem, oder im "Internationalen" darauf, daß es viele Nationen umfaßt.
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So umfassend ergreift Bertl Zagst in seinem künstlerischen Tun traditionelle Auffassungen der Gestaltung eines Bildes oder einer Skulptur als etwas, das einer Form bedarf, die für die unterschiedlichen Materialien oder Farbgebungen gesucht werden muß. Freilich wird sie nicht im einen oder gar einzigartigen vollendeten Werk gefunden, sondern der Moderne gemäß bleibt der Künstler auf der Suche, läßt ganze Reihen von Versuchen, Anordnungen, Umgestaltungen nebeneinander gleichermaßen gültig stehen.
Die Kunst, die Sie in dieser Ausstellung sehen, wirkt nicht nur, indem sie dem Betrachter etwas vorführt (den Augen, den Händen, den Ohren) – das tut sie auch und Sie nehmen das wahr –, sondern auch, indem sie Gedankliches anregt und – da wird sie um so bedeutsamer – etwas Allgemeines auf den Punkt bringt. Dazu noch die folgenden Überlegungen.
Wenn Max Weber unsere ökonomiebeherrschte Welt als "stahlhartes Gehäuse" bezeichnet, in dem sich "Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz" befinden, und damit die Ausweglosigkeit unseres Daseins in einem klaren, soziologisch begründeten Bild darzustellen versucht, dann steht diesem Bauwerk in den Arbeiten von Bertl Zagst ein bewohnbares Haus gegenüber, in dem sich aus konkreten sozialen Beziehungen Prozesse entwickeln, die sich nicht wissenschaftlich-theoretisch, sondern praktisch-künstlerisch entfalten und damit lebendig und wirksam werden. Was in der Folge Max Webers und anderer – zeitgenössischer – Wissenschaftler die "cultural studies" bearbeiten und in Texten öffentlich vorlegen, das untersucht und erforscht Bertl Zagst als ehemaliger Schellenbergerstudent der Stuttgarter Kunstakademie in vielfältigen Projekten künstlerisch; die Ergebnisse stehen unmittelbar vor Augen, sie fordern uns nicht als Leser, sondern als Betrachter und vermitteln – wie es die Kunst in der Postmoderne häufig tut – politische Einsichten, wenn man sich auf ihre Fragen einläßt.
Der Kunsterzieher, der Bertl Zagst nicht nur in seiner schulischen Tätigkeit ist – und das ist für mich keine Herabwürdigung seiner Kunst von der Höhe ihres Anspruchs auf Autonomie –, erreicht die Öffentlichkeit in seiner freien Arbeit über die ästhetische Wirkung auch auf einer didaktischen Ebene: Ich meine damit, daß wir angesichts dieser Ausstellung, wenn wir ihrer Intention gerecht werden wollen, aktiv werden müssen: nachdenken und selbst tun – jeder auf seine und jede auf ihre Weise.